Die Revolutionskriege um die Jahrhundertwende 1900 und die folgenden napoleonischen Kriege brachten für viele Familien viel Elend und für die Gemeinden wirtschaftliche Not und Hunger. Die Bevölkerung wuchs rascher, als die Landwirtschaft mehr erzeugen und die beginnende Industrialisierung für Arbeitsplätze sorgen konnte. Im Amtsoberamt Stuttgart (Gemeinde“verbund“ ohne Stadt Stuttgart, im Halbkreis Stuttgart südlich umfassend), entstanden durch die Kronprinzessin und spätere Königin Katharina viele wohltätige Einrichtungen. Sie gründete auch einen Wohltätigkeitsverein, der 1817 zum ersten Mal zusammenkam.
Im Gedenken an die so früh verstorbene Königin wurde 1819 ein Fond gegründet, der bis 1828 auf 2.300 Gulden anwuchs, und der als Ursprung der Wilhelmspflege anzusehen ist. Von den Zinsen des Geldes wurden Kinder versorgt, die unversorgt und verwahrlost in Stuttgart aufgegriffen wurden. Die Not in der Bevölkerung wuchs weiter, weshalb die Amtsverwaltung des Oberamts 1837 die Errichtung eines eigenen Rettungshauses beschloss.
Im Oktober 1841, dem Jahr der 25jährigen Friedensregierung des Königs Wilhelm von Württemberg wurde das „Rettungshaus Wilhelmspflege“ eingeweiht und die ersten 22 Mädchen und Jungen aufgenommen. Im Haus waren für die Mädchen und Jungen getrennt je zwei Schlafsäle, zwei Speiseräume und zwei Aufenthaltsräume eingerichtet. Nicht verschwiegen werden soll an dieser Stelle, dass es auch damals schon Menschen gab, die der Meinung waren, dieses Haus, dem man bald den Namen „Bettelschlößle“ gab, sei für verwahrloste Kinder zu aufwendig gebaut.
Die Schule, die Mithilfe in der Hauswirtschaft für die Mädchen und die Hilfe in der Landwirtschaft für die Jungen bestimmten den Tagesablauf der Kinder. Die Mithilfe der rund 70 Kinder in der Küche, im Stall, in der Scheune und auf dem Acker war über 100 Jahre lang ein wichtiger und damals auch wohlbegründeter Bestandteil ihrer Erziehung fürs Leben.
Die weitere Entwicklung der Rettungsanstalt Wilhelmspflege lässt sich chronologisch von 1886 bis 1991 folgendermaßen beschreiben:
- 1886 wurde die einklassige Heimschule zur zweiklassigen Schule umstrukturiert.
- 1928 wurde die Bezeichnung „Kinderrettungsanstalt“ in „Erziehungsheim“ abgeändert.
- 1929 wurde das 1904 errichtete Schulhaus um einen zweiten Stock und damit um einen zweiten Schulraum erweitert.
- 1937 brannte das Scheunen- und Stallgebäude durch Brandstiftung ab und wurde sofort wieder erweitert aufgebaut.
- 1942 fiel dieses Gebäude der Landwirtschaft einem Fliegerangriff zum Opfer. Es wurde 1943 erneut aufgebaut.
- 1951 wurde das Waschküchengebäude erweitert und zu einem Kinderhaus umgebaut. Von da an wird es „Südgebäude“ genannt.
- 1955 konnte die Schule durch eine dritte Volksschulklasse erweitert werden. Für die Landwirtschaft wurde der erste Traktor angeschafft.
- 1961 wurde der Bau von vier Kindergruppenhäusern mit einer Feier abgeschlossen und vier zusätzliche Kindergruppen eingerichtet. In sieben Gruppen hatte die Wilhelmspflege jetzt 110 Plätze. Im selben Jahr trat auch die inzwischen vierte Satzung der Wilhelmspflege in Kraft und die Stiftung führte nun den Namen „Evangelisches Kinder- und Schulheim Wilhelmspflege“.
- 1962 ist die Heimschule fünfklassig. Fünf Lehrkräfte nklusive Hausvater/Schulleiter stehen dem Heim mit 110 Plätzen vor. Im Haus arbeiten zwei Verwaltungskräfte, die Hausmutter, 8 Erzieher/innen, ein Hausmeister, 10 Hauswirtschaftskräfte, ein Landwirtschaftsmeister und zwei Knechte.
- 1968 konnte das neue Schulgebäude mit sechs Klassenzimmern und einer Turnhalle eingeweiht werden.
- 1971 wurden zwei weitere Gruppenhäuser und ein „Kleinkinderhaus“ erstellt. Das Heim hatte damit zehn Kindergruppen mit insgesamt fast 140 Plätzen.
- 1978 erste Außenwohngruppe (in Wolfschlugen); 1979 erste Tagesgruppe; in den Folgejahren weitere Differenzierung der Hilfen und Anwachsen der angebotenen Plätze für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene.
- 1991 wird die Trägerschaft für das Theodor-Rothschild-Haus in Esslingen übernommen.